Mobile Virtual Reality: Der Trend geht zu All-in-One-Geräten

Virtual Reality verdreht immer mehr Menschen den Kopf und war auch eines der Trendthemen der IFA 2016. Im Fokus standen Neuerungen im mobilen Bereich. Mit Alcatel und Qualcomm stellten Hersteller neue Hardware für VR-Systeme vor. Multicopter-Spezialisten wie etwa Parrot und Ehang präsentierten VR-Bedienkonzepte für Drohnen. Eine neue Video-Plattform für das hauseigene Headset Gear VR zeigte Samsung. IFA-Neuheiten zu Virtual Reality im Überblick.

Neue Hardware: VR-Brillen nach dem All-in-One-Prinzip

Die Marke Alcatel des chinesischen Herstellers TCL Communication ist eigentlich dafür bekannt, den Massenmarkt mit Mittelklasse-Smartphones zu Kampfpreisen abzugrasen. Auf der IFA überraschte sie mit einer VR-Innovation, die man sich eher von den Samsungs und Microsofts dieser Welt erwartet hätte. Mit Alcatel Vision stellte sie ein mobiles All-in-One-System für Virtual Reality vor.

Das VR-Headset verfügt über zwei integrierte 3,8 Zoll große AMOLED-Displays, welche mit jeweils 1.080 mal 1.200 Pixel auflösen. Ein zusätzliches Smartphone muss daher nicht als Rechen- und Displayeinheit herhalten. Vision ist ein vollwertiger Computer. Als Betriebssystem kommt Android 6 zum Einsatz. Angetrieben wird es von einem Achtkern-Prozessor und 3 GB Arbeitsspeicher. Daten zieht sich Vision über WLAN, Bluetooth und USB. Der Speicher von 32 GB reicht für einige Filme. Vor allem für das Schauen von Filmen im IMAX-Format hat Alcatel das Gerät konzipiert. Der 3.000 mAh fassende Akku soll drei Stunden langen halten. Das genügt für die meisten Spielfilme mit Überlänge. Zu Preis und Verfügbarkeit äußert sich der Hersteller noch nicht. Mit 500 Euro und einem Start war nicht vor 2017 zu rechnen.

Im mobilen VR-Bereich dominieren die Papp- und Kunststoffbrillen nach dem Referenzdesign von „Google Cardboard“. Hochwertige Headsets mit eigenen Sensoren und integrierter Elektronik wie Samsungs Gear VR, ZTE VR oder Alcatels Vision sind die Ausnahme. Damit Nutzer bald mehr Auswahl an leistungsstarken VR-Brillen für den Einsatz jenseits von PC und Konsole vorfinden, hat Chiphersteller Qualcomm jetzt eine Referenzplattform vorgestellt: Snapdragon VR820.

Qualcom VR Referenzmodell

In der schwarzen Gehäuseschale steckt der mobile Top-Prozessor des Unternehmens, der Snapdragon 820. Außerdem stellt Qualcomm Entwicklern ein Software Development Kit zur Verfügung, damit sie leicht Apps für die Plattform anpassen können. Zwei Kameras fürs Eye-Tracking, vier Mikrophone sowie diverse Bewegungssensoren gehören ebenfalls zum Konzept. Ein erstes Produkt, das darauf basiert, ist das noch nicht erhältliche All-in-One-Gerät Pico Neo.

Die Idee eines All-in-One-Headsets für VR ist einleuchtend. Welches Smartphone-Modell ich besitze, ist dabei egal. Und einen hochgerüsteten Computer wie für die Oculus Rift brauche ich dann auch nicht. Der Erfolg hängt aber von der Akzeptanz der App-Entwickler ab. So groß und attraktiv wie Googles Play Store oder der Oculus Store für Gear VR müssen die Herausforderer mit ihren eigenen Plattformen erst einmal werden.

Neue VR-Inhalte: Reise-Videoschnipsel bei Samsung Discovr

Klar, attraktive Inhalte sind wichtig, damit eine VR-Plattform groß wird. Samsung nutzt für seine VR-Headsets den Store von Partner Oculus mit, will aber mehr und mehr unabhängig Inhalte anbieten. Mit einigem Tamtam hat Samsung auf der IFA mit Discovr quasi eine Plattform in der Plattform vorgestellt. Die im Oculus Store erhältliche Discovr-App soll Nutzer der Gear VR künftig mit „hochwertigen Inhalten aus den Bereichen Lifestyle, Sport, Kultur, Musik und Reise“ bespaßen. Die Foto- und Video-Inhalte werden laut Samsung exklusiv für Discovr produziert. Ein paar Tage nach dem Start sind aber überwiegend nur kurze Reise-Videoschnipsel zu sehen, die man gefühlt auch überall sonst unter dem Stichwort „VR Experience“ findet. Das Angebot kostet aber nichts, daher schadet eine Entdeckungstour bei Samsung Discovr auch nicht.

Neue VR-Bedienkonzepte: Luftbilder aus der Cockpit-Perspektive

Damit Multicopter ein Massentrend werden, muss nicht nur die rechtliche Situation hierzulande einfacher werden. Auch die Bedienung kann man noch intuitiver gestalten, finden einige Hersteller. Smartphones und VR-Brillen sollen hier Abhilfe schaffen. Newcomer Ehang liefert seine Ghostdrone 2.0 erst gar nicht mehr mit einem physischen Controller aus. Nutzer steuern den Multicopter mit Touch-Gesten und den Bewegungssensoren über die herstellereigene Smartphone-App „Ehang Play“ (Android und iOS). Die auf drei Achsen bewegliche 4K-Kamera der Ghostdrone 2.0 können Nutzer mit den eigenen Kopfbewegungen steuern. Das funktioniert mit der im Lieferumfang enthaltenen VR-Brille. Die Kamera überträgt das Live-Bild per analogem Funk an das in der Brille integrierte Display. Die Ghostdrone 2.0 inklusive VR-Headset auf der Herstellerseite für 989 Euro erhältlich.

Ehang Ghostdrone 2.0 VR

Parrot fährt bei seiner ersten Starrflügler-Drohne namens „Disco“ eine ähnliche Strategie. Allerdings können Nutzer hier noch wählen, ob sie einen Controller, das Smartphone oder eine VR-Brille verwenden wollen. Wollen Nutzer den Flug besonders plastisch aus der Kameraperspektive erleben, starten sie die „FreeFlight Pro“-App und stecken das Smartphone in die mitgelieferte VR-Brille „Parrot Cockpitglasses“. Inklusive Controller und Brille ist Parrot Disco bereits erhältlich. 1.299 Euro kostet das Set auf der Herstellerseite.

Parrot Disco

Es ist verblüffend, wie der mobile VR-Markt Fahrt aufnimmt. Kein Wunder, dass das Interesse wächst. Laut Bitkom kann sich fast jeder dritte Deutsche (31 Prozent) vorstellen, eine VR-Brille zu nutzen. Die Hardware ist auch kein Problem mehr. Immer mehr massentaugliche und bezahlbare Angebote sind erhältlich. Die Inhalte bleiben aber auch nach der IFA 2016 ein Knackpunkt. Erst wenn sich die Branche dabei genauso ins Zeug legt wie bei Hardware-Vorstellungen, werden die Aussichten für mobile Virtual Reality richtig gut.


Images by Berti Kolbow-Lehradt